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Hat Sexualität ein Ablaufdatum?

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Hat Sexualität ein Ablaufdatum?

Was mit unserer Lust im Alter passiert

Spoiler: Die Lust ist oft gar nicht weg. Sie spricht nur eine andere Sprache.

Mit Anfang 20 fühlt sich Sexualität für viele selbstverständlich an. Der Körper reagiert schnell, Lust entsteht oft spontan und kaum jemand macht sich Gedanken darüber. Doch mit den Jahren verändert sich etwas. Nicht von heute auf morgen, sondern ganz langsam.
Was sich verändert, ist nicht unbedingt die Lust selbst, sondern die Art, wie sie entsteht und wie wir sie erleben. Oft verschwindet die Lust gar nicht. Sie spricht mit der Zeit einfach eine andere Sprache und wird im Alltag häufig von Stress, Verpflichtungeen oder anderen Lebensthemen überdeckt.

Spiegel auf dem Boden

Warum sich unsere Lust verändert

Viele denken, dass sich Sexualität erst im hohen Alter verändert. Tatsächlich beginnt dieser Prozess viel früher. Schon ab Mitte 30 verändert sich der Hormonhaushalt bei Frauen langsam. Das bedeutet jedoch nicht automatisch weniger Lust oder geringere Libido. Es kannn sich einfach anders anfühlen. Genau deshalb gibt es auch keinen festen Zeitpunkt, an dem Sexualität plötzlich "anders" wird. Manche Menschen bemerken Veränderungen früh, andere erst Jahrzehnte später. Und manche erleben Veränderung kaum. Sexualität folgt keinem Kalender.

Die größte Veränderung findet übrigens nicht nur im Körper statt. Auch unsere Lebensumstände verändern sich massiv. Stress, Kinder, Zyklus, Arbeit, Selbstzweifel, Alltag, Schlafmangel, Krankheiten. Und mindestens zwei davon treffen wohl auf fast jeden von uns regelmäßig zu. All das beeinflusst die Lust oft deutlich stärker als das Alter selbst.

Zellen in bunten Farben

Lust verändert sich. Sie verschwindet nicht.

Viele setzen Sexualität mit jugendlicher Leidenschaft gleich. Dabei ist Lust viel mehr als Hormone und der pure Trieb. Sie besteht aus:

• Neugierde

• Nähe

• Berührung

• Vertrauen

• Fantasie

• Sinnlichkeit

• Körpergefühl

Während manche mit 20 täglich Sex möchten, entdecken andere ihre Sexualität erst mit 45 oder 60 richtig. Studien zeigen sogar, dass viele Menschen mit zunehmendem Alter zufriedener mit ihrem Sexualleben werden und das obwohl sie seltener Sex haben.

Der Grund?
Weil der Leistungsdruck oft nachlässt. Es geht nicht mehr darum, etwas beweisen zu müssen. Die meisten Menschen kennen ihren Körper mit zunehmendem Alter sehr gut. Sie wissen, was ihnen guttut und was nicht. Gleichzeitig fällt es vielen leichter, ihre Wünsche offen auszusprechen.

Übrigens haben die meisten mit zunehmendem Alter auch alles schon mal gemacht, was sie machen wollten. Die Wünsche sind bei den meisten erfüllt, die Neugierde gesättigt. Die anfängliche Neugier weicht oft einer größeren Gelassenheit. Dadurch rücken Nähe, Vertrautheit und gemeinsames Erleben stärker in den Mittelpunkt.

Silhouette von einem Paar im Sonnenuntergang Stirn an Stirn

Männer und Frauen erleben Veränderungen unterschiedlich

Frauen
Viele Frauen berichten, dass sie Sexualität ab 40 oder während der Wechseljahre weniger spontan ist. Der Östrogenspiegel sinkt, die Scheide kann trockener werden, die Erregung etwas länger brauchen und Orgasmen können sich anders anfühlen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch weniger Sexualität. Sie ist oft nur anders entflammbar. Sexualtherapeuten sprechen von responsiver Lust. Das bedeutet, dass die Lust häufig erst durch die Berührung, Nähe und Intimität entsteht Man muss also nicht schon vorher "in Stimmung" sein. Neben der Sexualität können sich auch andere körperliche und seelische Veränderungen bemerkbar machen:

• Veränderungen des Zyklus und der Blutungen

• Trockene Scheide, Haut, Augen

• Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit oder Ängstlichkeit

• Schlafprobleme und häufiges Aufwachen

• Vergesslichkeit und geringere Belastbarkeit

• Hitzewallungen

• Veränderungen der Fettverteilung und ein sinkender Grundumsatz

Diese und mehr Symptome können sich bereits in der frühen Perimenopause bemerktbar machen. 

Entspannte Frau liegt auf dem Boden

Männer

Auch Männer erleben hormonelle Veränderungen. Umgangssprachlich wird das häufig als Andropause bezeichnet. Im Gegensatz zu den Wechseljahren verläuft sie jedoch schleichend und meist deutlich weniger ausgeprägt. Der Testosteronspiegel sinkt langsam über viele Jahre hinweg. Das kann dazu führen, dass Lust seltener spontan entsteht, Erektionen mehr Zeit oder stärkere Stimulation benötigen und die Erregung insgesamt langsamer aufgebaut wird. Der weit verbreitete Mythos, Männer hätten immer Lust und müssten jederzeit "funktionieren", setzt viele unnötig unter Druck. Dabei ist es völlig normal, dass sich Sexualität mit dem Alter verändert. Das ist keine Schwäche, sondern Biologie.
Neben der Sexualität können sich auch hier andere körperliche und seelische Veränderungen bemerkbar machen:

• weniger spontane Lust

• Erektionen entstehen seltener spontan und benötigen häufig mehr Stimulation

• längere Refraktärzeit (Zeit bis zur nächsten Erektion)

• geringerer Antrieb und schnellere Erschöpfung

• Muskelmasse nimmt leichter ab, Fett lagert sich häufiger am Bauch an

• leichterer Schlaf oder häufigeres nächtliches Aufwachen

• Gereiztheit, Niedergeschlagenheit oder Konzentrationsprobleme

• Veränderungen von Haut, Körperbehaarung und Knochendichte

• Abnahme der Spermienqualität

Ein Mann in Rückenansicht steht am See und schaut sich den Sonnenuntergang an

Haben ältere Menschen noch Sex?

„Essen ist der Sex des Alters.“ Ein Satz, den viele schon einmal gehört haben. Dahinter steckt die Vorstellung, dass sexuelle Lust irgendwann einfach verschwindet und durch andere Genüsse ersetzt wird. Doch stimmt das wirklich? 

Nein. Menschen haben auch mit 70, 80 oder sogar 90 Jahren noch Sex. Nicht alle, aber viele. Wie häufig das passiert, hängt von der Gesundheit, der Partnerschaft, den eigenen Bedürfnissen und den Lebensumständen ab. Es gibt kein Alter, in dem Sexualität plötzlich aufhört. 

Oft spielt bei der Intimität im Alter etwas anderes eine größere Rolle, als die Häufigkeit. Nähe, Vertrautheit und Verbundenheit. Das ist eine andere Form von Sexualität, als die wilde Rammelei in jungen Jahren, aber deshalb nicht weniger erfüllend.

Übrigens besteht Sexualität nicht nur aus Geschlechtsverkehr. Eine Umarmung, eine lange Berührung, gemeinsames Kuscheln, Küssen oder zärtliche Intimität können genauso wertvoll sein. Das Bedürfnis nach Nähe verschwindet mit dem Alter nicht. Im Gegenteil, für viele Menschen gewinnt sie sogar an Bedeutung.

Eheleute halten sich an den Händen

Was tötet Lust wirklich?

Interessanterweise ist das Alter ziemlich weit unten auf der Liste. Die wirklichen Liebestöter sind:

• Stress

• Schlafmangel

• ungelöste Konflikte

• Medikamente 

• Alkohol

• Depressionen

• mangelndet Kommunikation

• Leistungsdruck

• Scham

Viele glauben, ihre Lust sei "weg". In Wirklichkeit ist sie oft nur von anderen Alltags-Situationen überschattet.

Reizüberflutung bei Nacht in einer leuchtenden Stadt

Hat Sexualität also ein Ablaufdatum?

Nein. Was ein Ablaufdatum hat, sind oft unsere Vorstellungen davon, wie Sexualität aussehen muss.
Lust verändert ihre Form. Sie wird manchmal ruhiger, manchmal tiefer und manchmal anders intensiv. Das bedeutet nicht, dass sie weniger wertvoll ist.
Sexualität im Alter kann sogar befreiend sein. Mit den Jahren kennen viele Menschen ihren Körper besser, wissen, was ihnen guttut und trauen sich eher, ihre Wünsche offen auszusprechen. Sexualität darf sich verändern, wachsen und uns ein Leben lang begleiten. Scham verliert an Bedeutung, Leistungsdruck lässt nach und Sexualität wird oft entspannter erlebt. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern als Prozess im Laufe des Lebens.
Und manchmal beginnt Sexualität genau dann noch einmal ganz neu. Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis.

Unordentliches Bett in weiß

Nicht unser Alter entscheidet darüber, ob wir Sexualität erleben. Sondern unsere Bereitschaft, unseren Körper immer wieder neu kennenzulernen.

Gemeinsamkeit, Intimität und Berührung bleiben wichtig. Doch Sexualität braucht nicht zwingend zwei Menschen. Auch allein dürfen wir unseren Körper entdecken, Lust erleben und gut für unser Wohlbefinden sorgen.

 

Wusstest du schon?

Die Haut besitzt rund 5 Millionen Tastrezeptoren, Berührung bleibt bis ins hohe Alter wichtig.
Der größte Sexualorgan des Menschen ist das Gehirn, nicht die Genitalien.
Frauen erleben häufig responsive Lust (Erregung entsteht erst während der Intimität).
Männer produzieren auch mit 70 noch Testosteron, nur langsamer.
Regelmäßige Nähe und Berührung senken nachweislich Stresshormone.
Schlafmangel kann den Testosteronspiegel bereits nach wenigen Nächten deutlich reduzieren.
Bewegung verbessert die Durchblutung und damit häufig auch die sexuelle Funktion.
Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil von Gesundheit und Lebensqualität, in jedem Alter
Regelmäßoige Orgasmen sind hilfreich für unsere Gesundheit.